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Défense des enfants international
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Prävention sexueller Ausbeutung in Freizeitorganisationen
  
[ Bulletin DEI, septembre 2005 Vol 11 No 2/3 p. I, II, III, IV ]

Interview mit Urs Hofmann, Leiter der Fachstelle Mira

Seit 1999 besteht in der Deutschschweiz die Fachstelle Mira, die sich auf die Prävention sexueller Ausbeutung in Sport- und Jugendverbänden spezialisiert hat. Welches sind die Erfahrungen dieser Stelle, wo sieht sie die spezifische Gefährdung im Freizeitbereich, wie Präventionsmassnahmen um setzt sie?


Bulletin der Kinderrechte (BdK):Ganz kurz zur Geschichte: Wie ist mira entstanden, was heisst «mira»?


UH: «mira» ist rätoromanisch und spanisch und heisst: «Schau hin». Dies ist unsere erste Präventionsbotschaft: Schau hin auf mögliche Gefährdungen, schau hin bei einem unguten Gefühl, einer verdächtigen Beobachtung. Entstanden ist mira aus einem Präventionsprojekt des Jugendverbandes Cevi (1)Schweiz. Der Cevi hat dieses 1995 gestartet. Weil das Interesse einiger anderer Verbände gross war, entliess der Cevi sein Projekt 1998/99 in die Eigenständigkeit.


BdK: Was tut mira ?


UH: Wir beraten Freizeitorganisationen wie Sportclubs, Jugendverbände, Musikvereine, wie sie ihre Kinder und Jugendlichen vor sexueller Ausbeutung schützen können. Das geschieht mit Referaten, mit schriftlichen Hilfsmitteln sowie durch Ausbildung von Verantwortlichen. Wir versuchen, Ortsvereine zur Einhaltung unserer Präventionsmassnahmen zu gewinnen und das durch eine Mitgliedschaft des Vereins bei mira nachhaltig zu verankern. Wir bieten auch Beratung an, wenn ein Verdacht entstanden ist oder ein sexueller Übergriff bekannt wurde.


BdK: Weshalb die Spezialisierung auf den Freizeitbereich ?


UH: Die Spezialisierung ist historisch begründet, mira ist im Freizeitbereich entstanden. Für Schulen und pädagogische Institutionen gibt es als verwandte Organisation die Fachstelle Limita, in Zürich, mit der wir diese Aufteilung vereinbart haben. Die Spezialisierung macht aber auch Sinn aufgrund der Eigenheiten dieser Organisationen: Die meiste Arbeit wird ehrenamtlich geleistet, man ist froh um jeden Mitarbeiter, die Kontrolle fehlt weit gehend. Verantwortliche haben in der Regel keine pädagogische Ausbildung, sie kennen ihre Tätigkeit aufgrund ihrer eigenen Erfahrungen. Freizeitorganisationen sind Interessengemeinschaften: Die Mitglieder sind miteinander verbunden durch ein gemeinsames, frei gewähltes Hobby. Für Jugendliche in der Adoleszenz können Leiterinnen und Leiter zu sehr wichtigen Identifikationsfiguren werden.

Dazu kommt, dass sich über die Freizeitorganisationen viele Männer für diese Thematik sensibilisieren lassen, was auf anderen Wegen sehr viel schwieriger ist. Bei mira-Referaten sind 50-90% der Zuhörenden männlich. Viele dieser Männer sind Väter oder sie werden es noch. Damit ist der Freizeitbereich das Tor für eine Wirkung in der ganzen Gesellschaft.


BdK: Ist die Ausbeutungsgefahr im Freizeitbereich höher als in anderen Bereichen der Gesellschaft ?


UH: Wir schätzen – gesicherte Zahlen gibt es nicht – dass im Freizeitbereich 5-10% aller Übergriffe auf Kinder und Jugendliche vorgenommen werden. Gemessen daran, dass mehr als die Hälfte der Jugendlichen in mindestens einem Freizeitverein aktiv sind und gemessen an den geschilderten Abhängigkeiten ist dieser Anteil also eher tief. Aufgrund der bisher rund 100 Fälle, die wir begleitet haben, vermuten wir, dass die Übergriffe in der Regel weniger weit gehen und weniger lang anhalten, als die Übergriffe innerhalb von Familien. Die Situation ist also eher weniger schlimm, als in anderen Bereichen. Dennoch: die geschätzten 2’500-5’000 Fälle alleine im Freizeitbereich sind nicht zu tolerieren und sie rechtfertigen alle Anstrengungen zur Prävention.


BdK: Gibt es Freizeitbereiche, die speziell gefährdet sind ?


UH: Es gibt spezifische Gefährdungen, die jedoch nicht von Äusserlichkeiten abhängen. Entscheidend ist nicht, ob der Sport im Badeanzug oder in der Eishockey-Montur stattfindet. Entscheidender sind die Beziehungskonstellationen. Die meisten Übergriffe finden ohnehin nicht während der eigentlichen Vereinstätigkeit statt, sondern danach, auf dem Heimweg, in Weekends oder speziell vereinbarten Treffen zwischen Täter und Opfer.

Besonders gefährdet sind nach der bisherigen mira-Erfahrung Sportarten, in denen Männer junge Frauen trainieren. Durch die Trainerposition entsteht ein Machtgefälle: der Trainer kann befehlen, er kann Spielzeit gewähren, er kann einzelne Spielerinnen vor dem ganzen Team loben oder tadeln. Oft verlieben sich jugendliche Spielerinnen in ihren Trainer, sie täten alles für ihn. Nicht alle Trainer gehen mit ihrer Macht souverän um und die wenigsten werden auf diese Machtposition und die daraus resultierende Verantwortung vorbereitet. Die Vereine haben Mühe mit diesem Thema, weil man echte Liebesbeziehungen nicht verhindern kann und auch nicht verbieten will. Auch mira will das nicht. Wo jedoch junge Frauen von Trainern für ihre sexuelle Befriedigung missbraucht werden, muss eingeschritten werden. Ebenso darf kein Verein tatenlos zusehen, wenn die Grenze des Schutzalters verletzt wird.

Im Spitzensport sind die Machtverhältnisse noch ausgeprägter, oft bestehen Zweier-Situationen, was den Machtmissbrauch erleichtert. Selektionen via Bett gibt es vermutlich auch heute noch. Auch sexistische Dressvorschriften an Olympiaden sind in diesem Zusammenhang durchaus erwähnenswert.

Eine weitere spezifische Gefährdung besteht in Vereinen, die einen hohen Bedarf an Betreuungspersonen haben und die auch ältere Neueinsteiger mit offenen Armen empfangen. Hier melden sich immer wieder Männer mit eindeutig pädosexuellen Zielen. Der Verein bietet ihnen die Möglichkeit, zu Kindern – meist sind es Buben – Beziehungen aufzubauen, die sie dann nach mehr oder weniger langer Aufbauzeit für sexuelle Übergriffe ausnützen können.

Schliesslich stellen pubertierende Jugendliche, die unbeaufsichtigt mit Kindern zusammen sind, eine gewisse Gefahr dar. Wenn solche Jungs im Rudel beispielsweise ein Wett-Onanieren durchführen, ist das in Ordnung, wenn alle Beteiligten freiwillig mitmachen. Wenn sie aber jüngere Buben dabei einbeziehen, wenn sie sie unter Druck setzen und auslachen, kann das schwer wiegende Traumatisierungen auslösen. Ebenso kommt es vor, dass Pubertierende einzelne Kinder isolieren und sexuell ausbeuten. Auch wenn die Pubertät tatsächlich eine schwierige Lebensphase ist, in der nicht alle Kontrollmechanismen funktionieren, darf ein solches Verhalten nicht bagatellisiert werden.


BdK: Wie können sexuelle Übergriffe verhindert werden ?


UH: Die wichtigste Präventionsmassnahme ist nach unserer Überzeugung, in Vereinen und Verbänden ein Klima zu etablieren, in dem es möglich ist, über die heiklen Fragen von Nähe und Distanz, von Schamgefühlen, Erotik, Beziehungswünschen usw. zu sprechen.

Wir raten deshalb den Vereinen, eine interne Kontaktperson für Fragen rund um diese Thematik zu bezeichnen und bilden solche Leute für ihre Aufgabe aus. Sie sollen als erste Anlaufstelle zur Verfügung stehen, sie sollen aber primär dafür sorgen, dass unter den Verantwortlichen mindestens einmal pro Jahr über die Thematik gesprochen wird. Dadurch soll das erwünschte Klima der Offenheit geschaffen und erhalten werden. Das ermöglicht es, auch über spezifisch heikle Situationen eines Vereins zu sprechen: Festhaltegriffe zwischen den Beinen im Judo, sexuelle Stimulation bei Samariterübungen am Körper einer Frau, der Wunsch nach einem Gute-Nacht-Kuss eines Kindes im Lager. Ein Klima der Offenheit ist der beste Schutz sowohl gegen unbeabsichtigte Grenzverletzungen als auch gegen geplante und weiter gehende Ausbeutungshandlungen. Es schafft Sicherheit, sowohl für die Kinder als auch für die Verantwortlichen.


BdK: Ist ein 100-prozentiger Schutz der Kinder vor sexuellen Übergriffen möglich?


UH: Das ist eine Illusion. Vielleicht wäre er theoretisch möglich, doch er würde zu unmenschlichen Verhältnissen führen. So müssten beispielsweise jegliche Betreuungsgespräche zwischen Verantwortlichen und Teilnehmenden verboten werden, was für die Jugendlichen ein immenser Verlust wäre. Wenn man jegliche Vertrauensbeziehungen verbietet, weil sie tatsächlich für den Aufbau einer Ausbeutungsbeziehung missbraucht werden können, dann schüttet man das Kind mit dem Bad aus. Es gehen zu viele und äusserst wichtige zwischenmenschliche Kontakte verloren.

In diesem Sinn wird es zunehmend auch zu unserer Arbeit, die Verantwortlichen in diesen Organisationen zu einem «normalen», wertschätzenden und auch liebevollen Verhalten mit ihren Kindern und Jugendlichen zu ermutigen. Gute Körperkontakte sind wichtig, sie sollten nicht verbannt werden. Viele Vereinsverantwortliche, vor allem Männer, sind sehr verunsichert im Umgang mit Kindern. Mein Buch «Grenzfall Zärtlichkeit»(2) geht auf diese Thematik fundiert ein.


BdK: Wie arbeitet mira mit den Verbänden zusammen ?


UH: Wir schliessen mit den Verbänden Vereinbarungen ab, in denen die gegenseitigen Erwartungen festgelegt werden. Grundsätzlich sind die Verbände dafür verantwortlich, dass die Thematik in Publikationen und in den Ausbildungskursen aufgenommen wird. Zudem empfehlen wir den Verbänden, Richtlinien für den Umgang mit der Thematik zu erarbeiten und verbandsinterne Kontaktpersonen sowie, für alle Fälle, die Fachstelle mira bekannt zu geben. Schliesslich suchen wir mit den Verbänden Wege, die Vereine zur Einhaltung unserer Präventionsmassnahmen zu motivieren. Es ist unser wichtigstes Ziel, die Vereine zu erreichen, denn hier, auf lokalem Niveau, muss Prävention letztlich verankert werden.


BdK: Wie ist das Interesse von Vereinen und Verbänden ?


UH: Die Motivationsarbeit scheint uns immer wieder unglaublich hart und zäh. Wir sind mit dem Erreichten – 18 Mitgliedverbände, darunter die grössten wie der Fussballverband, Turnverband, Swiss Olympic und die wichtigsten Jugendverbände, sowie 83 Mitgliedvereine, die sich zur Einhaltung unserer Massnahmen verpflichtet haben – noch längst nicht glücklich. Andererseits haben bisher rund 7’000 Leute unsere Referate gehört, 250 Frauen und Männer liessen sich für eine Präventionsfunktion im Verein oder Verband ausbilden. Schliesslich gibt es auch Verbände und Vereine, die das Thema unabhängig von uns ernst nehmen und gute Projekte durchführen.

Wir glauben zudem, einen Stimmungsumschwung zu erkennen: die Prävention sexueller Ausbeutung wird langsam als Qualitätszeichen für Vereine und Verbände anerkannt. Das Interesse nimmt zu.


BdK: Weshalb gibt es mira nur in der Deutschschweiz ?


UH: Da wir als privater Verein vorwiegend von Stiftungen und Spenden leben, sind unsere Ressourcen beschränkt. Wir arbeiten jedoch derzeit daran, für den Aufbau von mira romand das nötige Geld zu finden. Es ist uns klar, dass die Deutschschweizer Konzepte nicht einfach übersetzt werden können, sondern dass eine sorgfältige kulturelle Anpassung entscheidend sein wird. Zudem braucht die Etablierung dieser neuen Arbeit ihre Zeit. Wir rechnen mit einem Finanzbedarf von 560’000 Franken für die ersten 6 Jahre.

(1) Schweizer Verband der Vereine junger Frauen und Männer.

(2) Urs Hofmann, Grenzfall Zärtlichkeit, in Familie, Schule, Verein, Rex Verlag, 2004.






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